Klenger





...und die Tannenzapfenbrecher Griesheims.
Heute werfen wir einen Blick in die Vergangenheit, der aber nicht weniger interessant sein dürfte?





Sie waren in grobe Leinwand gekleidet.
 (Die Tannenzapfenbrecher, namentlich die Griesheims, die sich in größere und kleinere Genossenschaften in den Kiefernwaldungen zwischen Rhein, Main und Neckar vertheilten...)

Kleidung aus Wolle wäre bei der Besteigung der oft 100 Fuß hohen Bäume 
viel zu hinderlich gewesen.
Bei nasser, kalter Witterung schützte ein ausgetragener Soldatenmantel ihre Glieder 
und eine leichte Mütze bedeckte den Kopf.
An kernhaften Stiefeln oder Gamaschenschuhen waren Steigeisen angebracht.
In dieser Montur kletterten die "Tannenvögel", deren Kühn-, Gewandt- und Sicherheit 
es mit jedem Eichhörnchen aufnehmen und noch dazu mit den Spechten wetteifern konnte, 
pfeilschnell hinauf in die Kronen, bis in die schlank´sten Wipfel hinauf, 
mit kräftigen und weithin hörbaren Tritten.
Das Knicken der Zweige, an denen die Zapfen hingen, ließ weithin ihre emsige Arbeit erahnen.
Die geernteten Zapfen wurden in einem leinernen, über die Schulter geworfenen Sack gesammelt.
Zapfen, die mit bloßen Händen nicht erreichbar waren, wurden mit einer Stange,
die einen Zoll dick und acht bis zehn Fuß lang war, 
auch von den höchsten und schwankensten Zweigen heruntergeangelt.
  (Dieses Werkzeug wurde im Knopfloch getragen und war an einem Ende mit einem Haken versehen)
War der Sack mit harzduftenden Tannenzapfen gefüllt, dann kletterten die fleißigen Arbeiter 
genauso schnell und sicher wieder von ihrem luftigen Throne auf die Erde herab 
und wärmten sich bei Bedarf am wärmenden Feuer oder sie setzten ihre Arbeit 
bis zur hereinbrechenden Abenddämmerung fort.


... so in etwa liest sich der Artikel aus "Die Gartenlaube," 
(hier zum einfacheren Lesen etwas abgeändert)
einem Vorläufer der Illustrierten aus dem Jahre 1867.
Schau mal rein, dort kannst du auch eine Geschichte über den Griesheimer "Kukuk" lesen!



Und wer waren die Klenger?

Hier wieder ein Auszug aus dem obigen Link:

Das Wort „Kleng“ kommt von klingen; ausklengen bedeutet in der forstwissenschaftlichen Sprache, die Nadelholzsamen durch Wärme und nachfolgendes Dreschen aus den Zapfen bringen, 
klingend herausspringen machen. 
Wenn man das Ohr an die geschlossenen Räume in der Fabrik legt, 
worin auf Horden die Samenzapfen der Nadelhölzer eingeschlossen sind, 
so könnte man beinahe sagen, daß sich bei der Geschwindigkeit
und den Veränderungen der Dichtigkeit der Wärme, durch die sich die Samenkapseln 
unter verschiedenen Klängen öffnen, eine „eigenthümliche Musik“ hören lasse. 
Keller’s Anstalt befaßt sich hauptsächlich mit dem Ausklengen von Kiefern-, Fichten- und Lärchenzapfen. 
Diese werden im Herbste und Winter von dem weniger bemittelten Theile der Landbevölkerung, namentlich Griesheims, in den umfangreichen Nadelholzwaldungen gebrochen
 und zum Verkaufe in die Fabrik gebracht. Zu diesem Zwecke beschäftigt dieselbe 
während der Wintermonate bei einer vollkommenen Ernte nahezu eintausend Menschen, 
welche sich über das ganze Großherzogthum Hessen und einen Theil der angrenzenden Länder verbreiten und dabei einen willkommenen und lohnenden Verdienst finden.


Ja, viele Klenger und Tannenzapfenbrecher,
 hat es hier im Ort/Stadt, in der Vergangenheit gegeben, als der Samenhandel florierte.
 Wie das "Klengen" im einzelnen funktionierte, auch das ist im obigen Link aus Wikisource nachzulesen.





Ganz bestimmt sind diese flinken "Tannenvögel"
auch in den Kiefern der "Griesheimer Düne" unterwegs gewesen?





 Genau genommen, müssten die hiesigen Baumkletterer, 
  nicht eigentlich "Kiefernzapfenbrecher" heißen?




Wenn die Angaben dieses Hinweisschildes stimmen...
(was ich nicht bezweifle) 




Dann sind diese Kiefern an die 200 Jahre alt... 




Das heißt, sie sind zur Zeit 
als mit dem hiesigen Wirtschaftszweig noch das tägliche Brot verdient wurde...





... sagen wir im Jahr1880, in etwa 100-130 Jahre alt gewesen? 




Egal, ein abenteuerlicher Broterwerb war das auf jeden Fall!




Dies ist die Halle der Firma Nungesser am Bahnhof in Griesheim, im Jahre 1910.




Hier werfen wir noch einen Blick in die alte Reinigungshalle, 
der Firma Nungesser (1880).
(Beide Fotos stammen aus dem Jubiläumskalender, anlässlich der 850-Jahrfeier der Stadt Griesheim )




Ich gehe davon aus, das es in früheren Zeiten,
einen viel größeren und umfangreicheren Baumbestand 
in dieser Region gegeben haben muß
Zur heutigen Zeit, würde die "Samenausbeute
egal von welchen Nadelbäumen auch immer,  
wohl eher kläglich ausfallen!


 Sommer 2015

Schön anzuschauen sind die hiesigen "Geotypen" aber trotzdem. 




Für den Nachwuchs wurde im Jahr 2007 ebenfalls gesorgt...




...und meistens mit Erfolg!



Das ist die Blüte der hiesigen Waldkiefer.


Möge sie auch in kommenden Jahrzehnten... 
ach, was sage ich... "Jahrhunderten" noch ihre Früchte tragen!


*


Ein kleiner Nachtrag.
Der Spruch meiner Mutter ist mir eingefallen,
wenn sie Menschen sah, die ihr unangenehm auffielen:

Hurngenischt un´ Danneppelsleit,
Schandammevolk un´ Zores!

Ich versuche das ein wenig zu übersetzen:

Hurennester und Tannenäpfelsleute,
Gendarmerievolk und anderes schlechtes Gesindel!

(Mag sich nun jeder selber seinen Reim darauf machen)

*




Von 1867, ein Artikel aus der "Gartenlaube." 
"Die Gartenlaube," war ein Vorläufer der modernen Illustrierten.

Die Griesheimer Klenger





























Deutschlands große Industriewerkstätten.
3. Die Griesheimer Klenger.

Der hercynische Wald, der sonst ganz Germanien bedeckte, ist längst in viele einzelne Wälder zerschlagen, wie auch der Reichsforst Karl’s des Großen um Frankfurt am Main, der Forehahi, längst gelichtet ist. Urwälder, die sich selbst fortpflanzen, giebt es nur noch in Amerika. Die Erhaltung und Fortpflanzung der Wälder der Culturvölker ist längst dem forstwissenschaftlichen Waldbaue anheimgefallen und selbst in der neuen Welt muß da, wo das Feuer die Urwälder vernichtet hat, Wald bald wieder künstlich angebaut werden. In dem forstwissenschaftlichen Betriebe, im Aushauen und Abholzen der Waldbestände und in den neuen Anpflanzungen, in diesem richtigen Wechsel beruht die Bedeutung und der Segen der Forstcultur und der durch sie erzielte volkswirthschaftliche Reichthum. Aber wenn man neue Wälder anpflanzen will, muß man auch Samen haben und ihn ausstreuen. Diese Forstcultur macht die Hauptaufgabe der Forstleute aus.
Anderthalb Stunden von Darmstadt, nicht weit von der Hauptlandstraße nach Mainz, liegt das große und reinliche lutherische Pfarrdorf Griesheim, das etwa vierhundert Häuser und an dreitausend Einwohner zählt. Die rührigen Bewohner waren von jeher durch ihre großen Kiefernwaldungen und ihre ausgedehnten Wiesen auf Einsammeln von Waldsamen und Arznei-Kräutern von der Natur hingewiesen und entwickelten nach und nach eine Thätigkeit und einen Gewerbfleiß, der einzig in seiner Art ist. Namentlich sammelten sie während des Winters die Kiefernzapfen ihrer Wälder und selbst die ärmeren Leute nahmen in ihren gutgeheizten Stuben das Ausklengen der Kiefernzapfen vor, und so wurde jeder Einzelne ein Samenhändler im Kleinen. Im Besitze praktischer Kenntnisse, lieferten sie nicht allein den Apotheken weithin Arzneikräuter, sondern warfen sich auch hauptsächlich auf das Sammeln von Grassamen, mit welchem ihr Handel, wie der mit Waldsamen, immer ausgedehnter wurde. Sie versorgten mit ihren Felderzeugnissen nicht blos die Nähe und die weitere Umgegend, sondern trieben auch mit ihren deutschen Gewürzen, namentlich mit Zwiebeln, ihren Großhandel bis nach London auf den Coventgardenmarkt, wo ihnen der Verfasser schon vor vielen Jahren häufig begegnet ist. Sie bilden in der Weltstadt London einen wohlthätigen und erfreulichen Gegensatz zu den armseligen und unglücklichen Fliegenwedel- und Besenmädchen Oberhessens. Die Frauen wie die Männer zeichnen sich durch gesunden Menschenverstand, scharfen Mutterwitz und Schlagfertigkeit der Rede aus, wie sie auch schon im Aeußern durch ihre rührige Beweglichkeit und namentlich die Frauen durch die kleine, runde Form ihrer Strohhüte sich bemerkbar machen.
Es giebt wohl wenige Dörfer in Deutschland, die sich einer größeren und ausgedehnteren bäuerlichen Volkswirthschaft erfreuen, wie die Griesheimer, denen man gerade deshalb in der Umgegend durch allerlei Nachreden etwas anzuhängen gesucht hat, unter andern den Schimpfnamen „Kukuk“, mit dem sie spottweise gerufen werden. Das soll sich davon herschreiben. Die Griesheimer hatten einmal einen Kukuk gefangen und hielten den für eine so große Naturmerkwürdigkeit, nämlich für einen Papagei, daß sie ihn durch eine Deputation feierlich dem Landgrafen überbringen ließen. Der Landgraf that, als ob er das Thier sehr bewunderte, und sprach: „Ihr könntet mir noch eine Freude machen, wenn Ihr mir auch noch das Nest des raren Vogels bringen und mir zum Geschenk machen wolltet.“ „Das müssen wir erst mit unseren Mitbürgern berathschlagen,“ sprachen die Deputirten und gingen nach Griesheim zurück. Dort wurde sogleich der Gemeinderath zusammenberufen und ihm die Frage vorgelegt. Sprach der Bürgermeister: „Das Nest des raren Vogels ist das ganze Eichenwäldchen drüben, wie sollen wir dies nun nach Darmstadt bringen?“ Sie beriethen drei Tage hierüber, machten an Ort und Stelle selbst Pläne, aber es wollte nicht gehen. Da schickten sie die Deputation wieder zum Landgrafen und ließen ihm sagen, das Nest gäben sie ihm gerne, aber er müsse es sich selbst holen. Nachdem der Landgraf herausgebracht, was sie unter dem Neste verstanden, sprach er: Er danke für das schöne Geschenk, aber er wolle der Merkwürdigkeit willen das Nest da lassen, wo es Gott hingesetzt habe. So verloren die Griesheimer den schönen Eichenwald und erwarben sich als Ersatz dafür den Namen „Kukuk“.
Es konnte mit der Zeit gar nicht ausbleiben, daß die einzelnen Griesheimer Tannenzapfenbrecher in Genossenschaften und geschäftlichen
[133]
Die Gartenlaube (1867) b 133.jpg Griesheimer Tannenzapfenbrecher.
Nach der Natur gezeichnet von H. Leutemann.
[134] Verkehr zusammentraten, nach und nach größere Consortien bildeten, von denen Einzelne als Geschäftsführer von der Gemeinde- oder Domanialverwaltung bestimmte Walddistricte in Pacht nahmen, die Arbeit des Tannenzapfenbrechens bezirksweise verrichteten und dann dem Staate oder größeren Händlern die eingesammelten Zapfen für gemeinsame Rechnung verkauften.
Vor etwa sechszig Jahren hatte im Orte Heinrich Keller, durch seine Kenntnisse in der Botanik und Technik, wie durch seine praktischen Erfahrungen im Samenhandel unterstützt, sich über alle übrigen Bewohner emporgeschwungen. Des Geschäftsbetriebs wegen verlegte er seine Samenhandlung nach Darmstadt, kaufte sich vor der Stadt ein so umfangreiches Besitzthum an, daß er die Reinigungsanstalten von Stufe zu Stufe verbessern und erweitern konnte, scheute weder Opfer noch Mühe und verwandte insbesondere den größten Fleiß und die unerschütterlichste Ausdauer auf die Verbesserung der sehr umfangreichen Feuerungsanlagen und auf die Erfindung solcher Maschinen, welche den Geschäftsbetrieb vereinfachten und erleichterten und so die Production steigerten.
Die großartigen Klenganstalten, welche von dem jetzigen Eigenthümer, Heinrich Keller, dem Sohne des Gründers, im Jahre 1861, nach den neuesten Erfahrungen und Verbesserungen in angemessenem und schönem Baustile umgebaut und bedeutend vergrößert wurden, bilden mit den neuesten Einrichtungen, namentlich der Dampfdarre, in diesem Geschäftszweige nicht allein die größte Fabrikanlage Deutschlands, sondern auch neben Lawson in Edinburg und Villemorin-Andrieux in Paris die größte der Welt. Das Wort „Kleng“ kommt von klingen; ausklengen bedeutet in der forstwissenschaftlichen Sprache, die Nadelholzsamen durch Wärme und nachfolgendes Dreschen aus den Zapfen bringen, klingend herausspringen machen. Wenn man das Ohr an die geschlossenen Räume in der Fabrik legt, worin auf Horden die Samenzapfen der Nadelhölzer eingeschlossen sind, so könnte man beinahe sagen, daß sich bei der Geschwindigkeit und den Veränderungen der Dichtigkeit der Wärme, durch die sich die Samenkapseln unter verschiedenen Klängen öffnen, eine „eigenthümliche Musik“ hören lasse. Keller’s Anstalt befaßt sich hauptsächlich mit dem Ausklengen von Kiefern-, Fichten- und Lärchenzapfen. Diese werden im Herbste und Winter von dem weniger bemittelten Theile der Landbevölkerung, namentlich Griesheims, in den umfangreichen Nadelholzwaldungen gebrochen und zum Verkaufe in die Fabrik gebracht. Zu diesem Zwecke beschäftigt dieselbe während der Wintermonate bei einer vollkommenen Ernte nahezu eintausend Menschen, welche sich über das ganze Großherzogthum Hessen und einen Theil der angrenzenden Länder verbreiten und dabei einen willkommenen und lohnenden Verdienst finden. Mit der Klenganstalt sind mehrere Zweiggeschäfte verbunden, welche für deren Rechnung arbeiten. Diese befinden sich zu Nieder-Ingelheim und Manbach in Rheinhessen, zu Iggelheim und Sand in Rheinbaiern und Lützelwiebelsbach im hessischen Odenwald.
Die Tannenzapfenbrecher, namentlich die Griesheims, die sich in größere und kleinere Genossenschaften in den Kiefernwaldungen zwischen Rhein, Main und Neckar vertheilen, sind in grobe Leinwand gekleidet. Wollene Kleidung würde ihnen bei Besteigung von oft hundert Fuß hohen Bäumen hinderlich sein. Bei rauher und regnerischer Witterung schützt ein ausgetragener Soldatenmantel die Glieder und eine leichte Mütze den Kopf. Mit den an kernhaften Stiefeln oder Gamaschenschuhen angebrachten Steigeisen klettern diese „Tannenvögel“, an Kühnheit, Gewandtheit und Sicherheit mit Eichhörnchen und Spechten wetteifernd, mit kräftigen, weithin hörbaren Tritten pfeilschnell zu den Kronen der Bäume, bis zu den schlankesten Wipfeln empor und das Knicken der Zweige, an welchen die Zapfen sich befinden, verkündet die rege Arbeit. In einem leinenen, über die Schulter geworfenen Sack sammeln sie die Zapfen und die, welche sie mit ihren Armen und Händen nicht erreichen können, werden mit ihrem einzigen Werkzeuge, einer Stange, die einen Zoll dick und acht bis zehn Fuß lang, an einem Ende mit einem Haken versehen ist und beim Steigen im Knopfloch getragen wird, von den schwankendsten und höchsten Zweigen „heruntergeangelt“. Hat der fleißige Arbeiter mit den harzduftenden Tannenzapfen seinen Sack gefüllt, so fährt er von seinem luftigen Throne eben so schnell und sicher wieder zur Erde herab und schüttet seinen Sack voll auf Haufen, wärmt sich an dem mit Tannenzapfen unterhaltenen Feuer, und so geht die Arbeit bis zur einbrechenden Abenddämmerung fort.
Auch in Thüringen wird dieses Klengen emsig betrieben. „Oftmals rauscht es,“ erzählt Schacht in seinem berühmten Buche ‚der Baum‘, „in der Tanne höchsten Wipfeln (auf dem sogenannten höhern Thüringer Walde, bei Katzhütte, Neuhaus, Igelshieb etc.), man glaubt ein Eichhörnchen dort beschäftigt und sieht statt dessen einen Menschen in schwindelnder Höhe. Es ist ein ‚Kustelnsteiger‘, der mit bewunderungswürdiger Gewandtheit von Zweig zu Zweig, von Baum zu Baum klettert, um Kusteln (Tannenzapfen) zu sammeln. Die Kühnheit dieser Leute geht so weit, daß sie, auf dem Wipfel einer hohen Tanne sitzend, den Baum des dicht geschlossenen Bestandes zum Schwanken bringen und, wenn seine Aeste sich der Krone einer andern Tanne nähern, mit einem schnellen Satz hinüberspringen.“
Der Reiz der Arbeit beruht im freien Leben der Natur, in der Cameradschaftlichkeit, in dem Wechsel von Gefahr, die oft groß, und der Sicherheit der Gewohnheit; dann auch im Lohn, der von einem Gulden bis zu zwei sich steigert. Dieselben Brecher sind auch wieder die Verkäufer der leeren und dürren Tannenzapfen, welche als vorzügliches Mittel zum Feueranmachen in hoch aufgeschichteten Maltersäcken auf Karren in allen Straßen der umliegenden Städte unter dem langgezogenen Ruf „Dannebbel“ (in Mainz „Hackeln“) feilgeboten werden.
Der Ausklengproceß geht auf folgende Weise vor sich. Die Fabrik enthält drei große Luftheizungsöfen; an die Stelle des vierten trat im vorigen Jahre ein Dampfheizapparat, welcher hauptsächlich den Zweck hat, die Feuergefährlichkeit zu beseitigen oder doch zu vermindern und die Keimfähigkeit und Güte des gewonnenen Samens zu erhöhen. Siebenzehn Schichten von Hürden werden durch den ungefähr eintausend vierhundert Quadratfuß Oberfläche haltenden Heizapparat dergestalt durchwärmt und durchtrocknet, daß die Zeit, binnen deren der Klengproceß sich abschließt, d. h. die Kiefernzapfen aufspringen und den Samen fallen lassen, um ungefähr ein Viertel abgekürzt wird, obgleich der verwendete Hitzgrad erheblich niedriger ist, mithin der producirte Samen ungleich mehr Keimkraft erhält, weil der ganze künstliche Klengproceß dem naturgemäßen weit mehr entspricht. Feuer- und Dampfofen nämlich, mit Zapfen von einem und demselben Haufen gleichzeitig gefüllt, ergaben für gleichzeitig entnommenen, sofort in gleichmäßig behandelte Keimprobe eingelegten Samen innerhalb acht Tagen ersterer einundachtzig, letzterer dreiundneunzig Procent keimfähige Körner. Ueberall haben die mit dem von Keller bezogenen Samen angestellten Keimproben das zugesicherte Procentverhältniß übertroffen, ein Umstand, der nach und nach die Geschäftsthätigkeit dieses Hauses bis in die entferntesten Gegenden erweitert hat. Die Schnelligkeit, mit welcher der Hürdenraum in der Dampfdarre sich erwärmt, ist überraschend. In einer Stunde ist derselbe Hitzgrad erzielt, welcher nach dem seitherigen Princip mit geheizter Luft erst nach drei bis vier Stunden sich einstellte. Außerdem ist die Leichtigkeit, mit welcher die Temperatur und der Luftdurchzug jederzeit regulirt werden können, nicht hoch genug anzuschlagen; dazu kommt noch, daß die große Feuergefährlichkeit der seitherigen Einrichtung gänzlich beseitigt ist. Man kann wohl sagen, daß die Wissenschaft auch hier von ihrem Fortschritt Zeugniß abgelegt hat.
Die Zapfen werden, nachdem sie von den Nadeln gereinigt, auf Hürden ausgebreitet, welche über den Oefen und dem Dampfheizapparate angebracht sind. Nach Beendigung des Ausklengprocesses, also etwa nach Verlauf von zwanzig bis vierundzwanzig Stunden, gelangen die Zapfen in die bei den Oefen befindlichen drahtumflochtenen Triller, und hier scheidet sich durch die rotirende Bewegung der Samen aus den Zapfen. Dieser muß nun durch die Manipulation des Abflügelns, Entfernung der Flügel von dem Samen, zur Reinigung vorbereitet werden, welche mit Hülfe von Sieben und Fegmühle bewerkstelligt wird.
Die Ausklengung der Lärchenzapfen ist hiervon etwas abweichend; dieselben kommen von der Darre in eigens erfundene Maschinen, durch welche sie zerrissen werden. Der sehr mit Schuppentheilchen und Holzstückchen untermischte Samen gelangt sodann in Reinigungsmaschinen und wird durch ein Stampfwerk, welches die Holztheilchen zermalmt, vollständig präparirt. Eine Dampfmaschine setzt den ganzen Mechanismus der Anstalt in Bewegung. Im Durchschnitt werden täglich hundertundsechszig hessische [135] Malter Kiefern- und dreißig Malter Lärchenzapfen ausgeklengt, welche ein Samenergebniß von fünfhundert und dreihundert Pfund liefern.
An zwölfhundert Centner Kiefern-, Fichten- und Lärchensamen sendet die Anstalt alljährlich in die verschiedensten Theile der Erde. Die meisten deutschen Regierungen, dann Belgien, Holland, England, Dänemark, Schweden und Rußland, viele Theile Afrikas, in der neueren Zeit besonders auch Amerika, beziehen für das Anpflanzen neuer Wälder ihren Samen von dieser Handlung. Namentlich aber ist es Frankreich, welches ihn von da für die Wiederbewaldung seiner Gebirge erhält und verwendet. In Frankreich ist die Waldcultur wegen der jährlich eintretenden Ueberschwemmungen eine der brennendsten Fragen geworden. Die Revolution übte bekanntlich keine Schonung gegen Gemeinde- und Staatswälder aus, alle Höhen wurden unbarmherzig abgeholzt und bewaldeten sich nicht mehr von selbst. Würde dies jetzt durch die Forstcultur nachzuholen nicht mehr möglich, so wäre der wirthschaftliche Ruin eines Theils des Landes in der Zukunft ausgesprochen.
Nach Kiefernsamen findet die größte Nachfrage statt; aber auch außer dem schon genannten Lärchen- und Fichtensamen wird der Samen von Schwarzkiefern, von Ahorn, Eschen, Ulmen, von Linden und Akazien, von Weißtannen und Weymouthskiefern (pinus strobus) ebenfalls gesammelt und präparirt, doch nicht in so großen Massen. Die Versendung vertheilt sich im Verlaufe des Jahres bei dem Laubholzsamen, mit Ausnahme des Ulmensamens, auf Ende October oder Anfang Novembers; bei Weißtannensamen auf den Anfang Decembers; bei den übrigen Nadelholzsamen auf Mitte bis Ende März, beim Ulmensamen auf Ende Mai oder Anfang Juni.
Die mit der Holzsamenhandlung verbundene Grassamenhandlung ist gleichfalls bedeutend und viele Hunderte von Menschen sind während des Sommers und Herbstes mit dem Einsammeln und Reinigen beschäftigt. Die Fabrik setzt einige hunderttausend Gulden jährlich in Umlauf und der Reingewinn soll nicht unter dreißigtausend Gulden betragen. Neben dieser älteren Fabrik hat sich noch eine zweite, deren Besitzer ebenfalls von Griesheim nach Darmstadt übergesiedelt sind, durch die Vortheile, welche die Umgegend zwischen Rhein, Main und Neckar darbietet, hier rasch emporgearbeitet.
So sehen wir, wie in der heutigen Zeit selbst die Romantik des Waldes, welche durch die Waldcultur uns erhalten wird, Hand in Hand mit der Industrie geht, deren Fortschritt auf der Anwendung der Wissenschaft und auf der Praxis der Verwendung großer Capitalien beruht. Schließlich wollen wir noch erwähnen, daß Herrn Keller, einem durch Intelligenz, Humanität und Unabhängigkeitssinn ausgezeichneten Manne, auf den bedeutendsten land- und forstwissenschaftlichen Ausstellungen die volle Anerkennung seiner Verdienste um den in die Volkswirthschaft so tief eingreifenden Geschäftszweig durch Ertheilung von Medaillen und Ehrendiplomen nicht gefehlt hat. Auf der großen Weltausstellung des Jahres 1867 zu Paris wird ein großes Modell der Fabrikanlagen des Herrn Keller den bis jetzt vollständigsten und besten Klengproceß zur allgemeinen Anschauung bringen.
H. Künzel.

Textdaten
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Autor: H. Künzel
Titel: Die Griesheimer Klenger
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 132–135
Herausgeber: Ernst Keil
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Erscheinungsort: Leipzig
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Forstwirtschaftliches Saatgut aus Griesheim
Deutschlands große Industriewerkstätten Nr. 3
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